Jedes Tier hat seine Geschichte: Die Auffangstation für Wildtiere im „Patrimonio Natural“ in Argentinien

 01.03.2026 - Jannis Conrad
Als ich erst einige wenige Wochen hier in meiner Einsatzstelle „Patrimonio Natural“ in der Nähe von Buenos Aires war, kam mich eine Mitfreiwillige und gute Freundin besuchen. Empfangen wurde sie, wie es bei uns üblich ist: Mit fertig zubereitetem Mate, Abendessen, und einer politischen Diskussion, in die wir uns wohl über eine Stunde vertieften. Irgendwann fragte sie dann nach dem Badezimmer. Ich gab Auskunft und wartete, den dampfenden Matebecher aus Algorroboholz vor mir, mein nächstes Argument im Kopf zurechtgelegt und bereit, die Konversation weiterzuführen. Was sie dann aber fragte, als sie sich wieder zu uns an den Tisch setzte, mit wohl kaum gespieltem Staunen im Gesicht, brachte mich dann doch etwas aus dem Konzept: „Warum habt ihr so viele Tiere im Bad?“

Warum also hatten wir damals und haben wir immer noch gelegentlich Tiere im Bad? Wo wir doch eine in erster Linie auf Flora ausgerichtete Baumschule sind? Die Frage war natürlich berechtigt, damals schon, auch wenn ich da noch keine Ahnung hatte, dass ich mich wenige Monate später in diesem eigens zu dem Thema verfassten Bericht damit auseinandersetzen würde.
Foto: Jannis Conrad
Um sich der Frage zu nähern, muss man sich, wohl oder übel, mit einer Zeit beschäftigen, die uns wohl allen noch recht präsent ist: Mit der Corona-Pandemie der Jahre 2020 bis 2023. 

In diesem Zeitraum war auch mein momentanes Zuhause, Argentinien, von landesweiten Schließungen und harten Lockdowns als Schutzmaßnahme betroffen. Damit einhergehend schlossen auch viele Tierauffangstationen im Land, die sich darum kümmern, verletzte und schutzbedürftige Wildtiere zu versorgen, mit dem Ziel, sie dann später wieder in die Freiheit zu entlassen.

Eigentlich waren die Schließungen vorübergehend – jedoch trafen sie viele Institutionen so hart, dass an eine Wiederöffnung nach der Pandemie nicht zu denken war. In dieser Situation entschloss sich meine Chefin, die Gründerin der Reserva Natural del Pilar, Graciela Capodoglio, dazu, dem „Patrimonio Natural“ ein weiteres Aufgabengebiet hinzuzufügen: Die Pflege von Wildtieren, die durch die zuvor aktiven Auffangstationen nun nicht mehr garantiert werden konnte. 

Scherzhaft sprechen wir heute bei dieser neuesten Aufgabe im Projekt von „la cola“ (dem „Schwanz“), da das "Patrimonio Natural" bereits vier „Pfoten“ hat (Baumschule, Naturschutzgebiet, Recyclingstation und Bildungsvorträge zum Thema Klima- und Naturschutz), und es keine Tiere mit fünf Pfoten gibt.
Die Entscheidung, die Pflege von Tieren als Aufgabengebiet aufzunehmen, war auch deshalb naheliegend, da man hier schon vorher Erfahrungen mit Tieren gesammelt hatte, wenn auch in etwas weniger direkter Form. Vor der Pandemie nämlich fungierte die NGO als Verbindungspunkt im Prozess der Wiedereingliederung von Wildtieren in ihr natürliches Habitat. Tiere wurden kurzzeitig aufgenommen und anschließend umgehend an Auffangstationen weitergeleitet, wenn ein direkter Transfer nicht möglich war, oder aber es wurde für die Freilassungen der Tiere das Gebiet der „Reserva“ ausgewählt. Diese bietet sich dafür im Vergleich mit anderen Naturschutzgebieten besonders gut an, da sie mit (im Moment) fünf Rangern sehr gut besetzt ist und die Entwicklung in freigelassenen Tierbeständen gut überblickt und kontrolliert werden kann.

Nun aber wollte man zum Schutz der argentinischen Fauna, des „vida silvestre“, wie man hier sagt (freier auf deutsch übersetzt: der wildlebenden Arten), mehr Verantwortung übernehmen und sich auch im Prozess des "Aufpäppelns" der schutzbedürftigen Tiere betätigen. Und deshalb läuft man nun manchmal ins Bad und findet sich in einer Art kleinem Zoo wieder.
Welche Tiere sieht man da genau? Nun, natürlich leben die meisten der Tiere, die wir „auffangen“, nicht im Bad, sondern draußen in der Baumschule (im Bad eigentlich nur Jungtiere, die nachts von der Kälte vor der Tür bedroht sind). Mit folgenden Tieren habe ich mich in meinen fünf Monaten hier in Argentinien beschäftigt: Schildkröten, Echsen, Chimangos (eine in Argentinien heimische, falkenähnliche Greifvogelart), Tauben, Sittiche und in größter Anzahl um Opossums (eine in Südamerika heimische Beutelrattenart, die mit dem Känguru verwandt ist, wenngleich Opossums zu unserem Glück deutlich kleiner sind).

Alle diese Tiere haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die Gründe, wie und warum sie bei uns landen, sind vielfältig. So kommt es beispielsweise bei den Opossums häufig vor, dass das Muttertier von einem Auto oder einem als Haustier gehaltenen Hund tödlich verletzt wurde und die Jungtiere ohne den Schutz der Mutter nicht überleben könnten. In solchen Fällen sind es oft die Autofahrer oder die Hundebesitzer, die sich direkt an uns wenden und auf
uns zukommen, sie haben dann unseren Kontakt im Internet gefunden. In manchen Fällen, zuletzt bei einer Taube, wurden die Tiere verletzt auf der Straße gefunden, beispielsweise mit gebrochenem Flügel. Aus dem Nest gestoßene Jungtiere der Chimangos können noch nicht fliegen und sind daher auf ähnliche Art und Weise bedroht. Es gab jedoch einen Fall, der etwas aus dem Rahmen fällt und der aufgrund seiner gesellschaftsproblematischen Tragweite genauer betrachtet werden soll.
Foto: Jannis Conrad
In meinem ersten Monat in meiner Einsatzstelle bekamen wir von der Polizei acht Sittiche geliefert, die diese aus den Fängen illegalen Tierhandels befreit hatte. Man hatte ihnen die Flügel gestutzt und ihre Federn zunächst geblichen, um sie anschließend mit gelber Farbe zu färben. Dies alles diente dem Zweck, die Sittiche als „exotisch“ zu profilieren, sind doch in der Region Buenos Aires nur Sittiche mit grünem Federkleid heimisch, und auf diese Art und Weise den Verkaufspreis nach oben zu drücken. Sie sollten dann auf der Straße verkauft werden, die Polizei konnte das allerdings unterbinden und so landeten die verängstigten und gequälten Tiere dann bei uns in der Baumschule.
Foto: Jannis Conrad
Der Handel mit Sittichen ist im Falle von aus der freien Wildnis gefangenen Tieren in Argentinien grundsätzlich illegal. Selbst der Handel von gezüchteten Tieren, die für den Verkauf regelkonform angemeldet werden, ist durch das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES streng reguliert. CITES unterscheidet dabei zwischen konkret vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten, die international gar nicht gehandelt werden dürfen (Kategorie A) und solchen, die bei unkontrollierbarem Handel in Zukunft vom Aussterben bedroht sein könnten (Kategorie B).

Bei letzterer Kategorie obliegt der internationale Handel strengen Regeln, die für den Verkauf der Tiere eingehalten werden müssen. Der Großteil der bekannten Sitticharten fällt in Kategorie B, wobei einige Arten auch nach den Regeln zu Kategorie A gar nicht gehandelt werden dürfen.
Dies zeigt, wie ernst das Problem des Tierhandels, sowohl des legalen als auch des illegalen, für die Sittiche (aber natürlich gilt für viele andere Tierarten Ähnliches) ist. 

Erschwerend kommt im Fallbeispiel dazu, dass der illegale Tierhandel, der in Südamerika weit verbreitet ist, natürlich in Gänze aus dem Rahmen des durch das CITES-Abkommen regulierten Handels herausfällt, da er ja im Untergrund stattfindet und eben nicht dokumentiert oder angemeldet ist. Somit fallen auch Sitticharten, die man der Kategorie B zuordnet, direkt in den Bereich „illegal“, denn angemeldet und kontrolliert sind diese Verkäufe ebenso wenig wie solche, die Kategorie A betreffen.

Südamerika ist eines der Epizentren des illegalen Wildtierhandels. Es werden (und die Tendenz ist hier steigend) zunehmend Wildtiere als Haustiere verkauft und auch in andere Länder in Europa, Asien oder Nordamerika exportiert, so berichtet der „International Fund for Animal Wellfare“. 

Der Wildtierhandel ist lukrativ, gerade auch, weil gegen ihn im Vergleich zum Drogen- oder Menschenhandel verhältnismäßig wenig politisch unternommen wird und die Strafen oft gering sind. Leider haben meine Recherchen zu dem Thema wenig konkrete Zahlen für den Großraum Buenos Aires ergeben, was aber vielleicht auch zeigen kann, dass es bei dem Thema Nachholbedarf gibt.
Foto: Kirsten Scheibke
Auch interessiert hätte mich, inwiefern das Vorgehen gegen den illegalen Tierhandel von den harten Sparmaßnahmen des aktuellen Präsidenten Javier Milei betroffen ist, aber auch hier habe ich keine konkreten Angaben gefunden. Was gesagt werden kann, ist, dass Natur- und Tierschutzorganisationen im Allgemeinen von diesen Sparmaßnahmen und Kürzungen stark betroffen und in Teilen existenziell davon bedroht sind. So schreibt beispielsweise der „Energy Pioneer“, dass sämtliche föderalen Umweltbehörden unter Milei Budgetkürzungen von mindestens 30 bis hin zu 80 Prozent erfahren haben.

Illegaler Tierhandel ist jedoch nicht das einzige Thema, mit dem wir uns hier in meiner Einsatzstelle beschäftigen und von dem wir durch die Auffangstation konkret betroffen sind. Ein anderes Stichwort ist hier der Begriff „Habitatverlust“. Abholzung (vor allem im Norden des Landes – 80 Prozent aller Rodungen in Argentinien entfallen laut amerika21 auf die nördlichen Provinzen (Santiago del Estero, Salta, Chaco und Formosa), starke Urbanisierung vor allem in der Provinz Buenos Aires, wo sich auch meine Einsatzstelle befindet, und Umweltverschmutzung (so gehört zum Beispiel der an die Reserva angrenzende Rio Lujan zu den am meisten verschmutzten des Landes) schränken den Lebensraum vieler hiesiger Tierarten, wie zum Beispiel der Schlangenhalsschildkröte, ein.
Foto: Marla Zech
Es gilt daher, betroffene Tiere und ihren bereits geschrumpften Bestand zu beschützen. Und genau deshalb ist die Arbeit, die wir hier verrichten, so wichtig. Warum auch solche Tiere, die nicht als akut bedroht oder stark in ihrem Lebensraum eingeschränkt sind, zum Erhalt eines ausgeglichenen Ökosystem beitragen, möchte ich gleich noch beleuchten. Zunächst soll es aber um die Frage gehen, worin genau unsere Arbeit in der Auffangstation
denn eigentlich besteht, da dies bisher nur angedeutet wurde.

Zunächst einmal haben wir von „Patrimonio Natural“ (und konkret ist hier Graciela gemeint, die die Kontaktaufnahmen der NGO bearbeitet) beratende Funktion. Ist ein verletztes oder schutzbedürftiges Wildtier gefunden, so können wir über die im Internet auffindbare Telefonnummer erreicht werden. Anfängliche Fragen sind dann meistens: Was kann ich tun? Wie kann ich das Tier vorübergehend ernähren? Worin kann ich es transportieren? Im zweiten Schritt (und auch nur dann, wenn wir garantieren können, dass wir die Kapazitäten zur Aufnahme des Tieres in dem aktuellen Moment besitzen), kann darüber gesprochen werden, ob das Tier zu uns in die Baumschule gebracht werden kann, sodass wir uns bis zur abschließenden Freilassung darum kümmern können. Wichtig ist, zu erwähnen, dass wir nicht alle Tiere in der Baumschule aufnehmen können, da einige, wie die Wildkatze „Gato Montes“, eine zu große Herausforderung für uns bedeuten. Diese leiten wir weiter an Tierärzte oder andere Auffangstationen, die über besseres Equipment verfügen und auf solche Fälle ausgelegt sind.
Sind die Tiere einmal bei uns angekommen, kümmern wir uns um sie: Wir versorgen sie mit Futter und (bei Jungtieren besonders wichtig) Wärme, schützen sie vor Regen, pflegen sie bei Verletzungen und säubern regelmäßig die Käfige, um der Ausbreitung von Infektionen und Krankheiten vorzubeugen. Die Opossums ziehen regelmäßig um: Wir passen ihre Käfige an ihre Größe und ihr Wachstum an, sodass sie sich mit der Zeit im Klettern üben können, eine Fähigkeit, die für die Freilassung und damit zum Überleben
unerlässlich ist.
Wir treffen auch die Entscheidung, wann ein Tier bereit zur Freilassung ist: Diese basiert auf Attributen wie (eben erst genannt) bei Opossums dem Klettern, bei Vögeln dem Fliegen und im Allgemeinen dem Gesundheitszustand. Um diesen überprüfen zu können, stehen wir auch hier in regelmäßigem Kontakt zu Tierärzten. Natürlich spielt auch die Größe des jeweiligen Tiers eine große Bedeutung. 

Mir ist wichtig, nicht zu verschweigen, dass wir nicht allen Tieren helfen können: Es sind schon mehrfach in meiner Zeit hier Tiere an Kälte oder Krankheiten gestorben, andere sind ausgebrochen in einem Zustand, in dem sie nur geringe Überlebenschancen haben. Einige Tiere können wir nicht freilassen, weil sie aufgrund von Beeinträchtigungen oder dauerhaften Verletzungen nicht bereit dafür sind. Wir geben unser Bestes – und manchmal ist das nicht genug.

Nun aber zum Positiven: Sind die Tiere für eine „liberacion“, das heißt eine Freilassung bereit, dann müssen sie nur noch die letzte Hürde nehmen. Sie werden mit dem Auto (eine andere Möglichkeit besteht nicht) zum Naturschutzgebiet gefahren, eine Fahrt, die für sie viel Stress bedeutet. Einmal dort angekommen, ruft die Freiheit! Die Türen der Käfige werden geöffnet und die Tiere können sich im eigenen Tempo an die neuen Gegebenheiten herantasten, verweilen manchmal noch einige Zeit im Käfig, weil sie die Umgebung kennen. Aber dann trauen sie sich doch den nächsten Schritt zu und entschlüpfen in die Wildnis. 
Foto: Jannis Conrad
Bei diesen Freilassungen schauen oft auch Schulklassen oder Besuchergruppen zu, für die diese Momente ebenfalls etwas ganz Besonderes sind und teilweise einen neuen Zugang zur Natur und Tierwelt bedeuten. Wir verbinden diese Anlässe dann auch mit Erklärungen und Informationen, sodass alle etwas davon mitnehmen können.
Foto: Jannis Conrad
Ungeklärt bleibt nun nur noch die Frage, inwiefern uns die Tiere, die wir freilassen, beim Aufbau und beim Erhalt des schon Aufgebauten in der Reserva helfen. Hierfür ist es wichtig zu verstehen, wie ein ausgeglichenes Ökosystem funktioniert. Ein solches hat nämlich natürliche Mechanismen, die den Bestand jeder Pflanzen- und Tierart, die diesem lokalen Ökosystem angehören, regulieren. Und bei diesen Mechanismen handelt es sich um nichts Anderes als um die anderen Tier- und Pflanzenarten. Man kann es sich
wie folgt vorstellen:

Das Opossum ernährt sich von Schnecken und hat wiederum im Fuchs einen natürlich „Gegenspieler“, da sich der Fuchs vom Opossum ernährt. Ist nun auch nur einer der Bestände der oben genannten Tiere deutlich zu gering oder zu groß, so gerät das empfindliche Gleichgewicht des funktionierenden Ökosystems aus der Bahn. Man spiele das Ganze im Kopf einmal durch: Aufgrund von vielen durch Autos getöteten Opossums ist deren Bestand in einem Jahr massiv geschrumpft. Den Füchsen bricht jetzt ein essenzieller Bestandteil der Ernährung weg. Auf der anderen Seite können sich Schnecken fast ungehindert vermehren, da ihnen ein natürlicher Kontrolleur fehlt. Davon wiederum sind viele Pflanzen betroffen, da diese von den Schnecken gefressen werden. Man sieht es schnell: Das Ökosystem gerät ins Ungleichgewicht – auch wenn das gegebene Beispiel nun natürlich vereinfacht war.
Aber auch der Blickwinkel von der anderen Seite lohnt sich: Gibt es in einem Jahr auf natürliche Art und Weise mehr Schnecken als üblich, dann wächst mit der Population der Schnecken auch gleichzeitig der Bestand der Opossums, da diese auf natürlichem Wege leichter Nahrung finden können. Und also (aus demselben Grund) auch der Bestand der Füchse. Da sich nun aber die Opossums von den Schnecken und die Füchse von den Opossums ernähren, sinkt in beiden Fällen der Bestand auch wieder und dasselbe gilt auch für die Füchse, die nun weniger Nahrung zur Verfügung haben. Somit bleibt das Ökosystem, schwankend vielleicht zwischen seinen Extrempunkten, aber dennoch immer kontrolliert, in seinem Gleichgewicht. Es zeigt sich, dass sich das Ökosystem bei geringfügiger Veränderung wieder selbst in Balance bringt – das Problem ist, dass die vom Menschen gemachten Veränderungen oftmals zu radikal, zu extrem sind. Unnatürlich eben.

Unnatürlich mag es auch klingen, eine Art kleinen Zoo im Haus zu haben. Mittlerweile habe ich mich jedoch schon daran gewöhnt. Freunde warne ich vor, bevor ich sie zum Bad schicke. Gewöhnen kann man sich an den Gedanken, in dem man sich ins Gedächtnis ruft: Jedem dieser Tiere geben wir eine zweite Chance. Und weitergeredet haben wir an diesem Abend, dem Abend, von dem ich erzählt habe, dann auch irgendwann – über Gott und die Welt, mit einem Mate in der Hand.
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