Der essbare Wald - Bokashi, Supermagro und viel Geduld sind notwendig beim Aufbau eines "bosque comestible"

02.07.2026 - Anne Ebert

Hallo, mein Name ist Anne Ebert und ich bin 20 Jahre alt. Seit 10 Monaten darf ich in dem Projekt „Casita de Barro“ mein freiwilliges Jahr absolvieren. Lokalisiert ist dieses Projekt in San Jerónimo Tecuanipan im Bundesstaat Puebla. „Casita de Barro“ wurde 2008 von Ina Vanooteghem und Manuel Palma gegründet. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, ein Bildungsprojekt aufzubauen, um gemeinsam mit den Bewohnern von Tecuanipan Ideen für ein nachhaltiges Leben zu entwickeln. Auf unserem Gelände werden Räume geschaffen, die agroökologische Praktiken zur Förderung lokaler Ernährungssouveränität demonstrieren.


Unser Gelände ist in verschiedene Zonen aufgeteilt. Beispielsweise haben wir einen Bereich für den reinen Anbau von Lebensmitteln wie Tomaten, Karotten, Brokkoli, … In einer weiteren Zone haben wir Bohnen und Weizen angepflanzt. Außerdem ist eine Fläche unserem "bosque comestible" gewidmet.


Ein bosque comestible, auf deutsch "essbarer Wald", ist ein System, das die Struktur und Funktionen eines jungen natürlichen Waldes nachahmt. Positive Wechselwirkungen zwischen den Arten sollen maximiert und negative minimiert werden. Gleichzeitig soll er nachhaltig Lebensmittel liefern.

Das Projekt „essbarer Wald“ wurde 2018 gestartet. Dennoch sind wir immer noch am Dazulernen und Verbessern. Vor wenigen Wochen hat eine meiner Kolleginnen an einem Workshop der Leitung des Projektes „Las Cañadas“ zu genau diesem Thema teilgenommen. Aus diesem Workshop haben wir einen neuen Input bekommen, wie wir unseren Wald verbessern können.

Foto: Anne Ebert

Idealerweise beginnt man die Planung des Waldes auf dem Papier. Also wo welcher Baum gepflanzt wird. Als das Projekt des essbaren Waldes in Casita de Barro gestartet wurde, hat man dieses System noch nicht angewendet. Natürlich wurde damals darauf geachtet, dass die Bäume, welche hoch wachsen, in der nördlichen Zone gepflanzt werden und die kleineren Pflanzen eher auf der südlichen Seite. So, dass alle Pflanzen genügend Sonnenlicht erhalten.


Eine Sache, die bei der Planung nicht beachtet wurde, war, die Bäume genau zu positionieren und zu systematisieren. Dieses System hilft, die Fläche ideal zu nutzen und einen genauen Überblick zu haben. Daher sind wir im Moment dabei, nachträglich die Position der Bäume zu erfassen, um diese in der späteren Planung mit berücksichtigen zu können. 

Um dieses System richtig anzuwenden ist es notwendig, den ungefähren Radius der ausgewachsenen Bäume zu kennen. Die Fläche des Waldes wird ausgemessen und digital oder auf Papier erfasst. Jeder (geplante) Baum wird, je nach Radius, vereinfacht als Kreis, eingezeichnet. Auf der markierten Fläche des Terrains wird nun mit Hilfe von zwei Referenzpunkten jeder Baum eingezeichnet. Diese Referenzpunkte können die Eckpunkte der Terrains sein, verschiedene Punkte entlang der Grenze oder auch andere Bäume. Die Entfernungen können nun genutzt werden, um den geplanten Wald genauso auf der großen Fläche umzusetzen.


In unserem Fall wenden wir das System genau andersherum an. Wir messen jetzt zuerst die Bäume aus und notieren dann die Positionen. Allerdings mit dem gleichen Hintergrund , um die weitere Fläche später möglichst effizient nutzen zu können. Die Funktion eines essbaren Waldes ist zwar, wie der Name es schon verrät, Nahrungsmittel zu liefern. Um jedoch ein selbstständiges Ökosystem zu schaffen, müssen auch viele weitere Pflanzen vertreten sein. In dem Wald von Casita de Barro wurden in den Anfangsstadien direkt Obstbäume gepflanzt. Später identifizierte Ina dies als falsche Herangehensweise. Es ist entscheidend, zunächst die geeigneten klimatischen Bedingungen und die Bodenverhältnisse zu schaffen, um das Überleben und das Gedeihen dieser Bäume zu gewährleisten.

Da dieses Terrain früher für die Anpflanzung von Alfalfa und der Alcatraz-Blume genutzt wurde und später 20 Jahre verlassen war, ist der Boden immer noch im Aufbau. Das bedeutet, dass wir die Böden bearbeiten, um eine gute Basis für die Pflanzen zu schaffen. Zu Beginn der Trockenzeit haben wir die Fläche komplett von Gräsern und anderem Unkraut befreit. Anschließend wurde eine Schicht Bokashi auf dieser Fläche verteilt.


Bokashi bedeutet im japanischen „fermentierte organische Substanz“. Es ist ein Kompost, der besonders schnell zur Verwendung bereit ist. Als Zutaten geben wir Kuh- und Pferdemist, Wasser, Melasse, Asche, Sägespäne und ein bisschen Hefe hinzu. Nach ungefähr 15 Tagen ist der Kompost schon einsatzfähig.


Auf diese Schicht Bokashi kommt als nächstes eine Schicht Biomasse. Zuletzt wird alles mit einer guten Schicht Erde abgedeckt. Der Bokashi sorgt dafür, dass der Boden viele Nährstoffe zur Verfügung hat. Die Biomasse lockert den Boden auf und wirkt als Nährboden für Mikroorganismen. Während der Trockenzeit wird die Biomasse kompostiert und es bildet sich eine nährstoffreiche Erde. Wenn dann die Regenzeit beginnt, können die nächsten Bäume in gut vorbereiteter Erde eingepflanzt werden. Außerdem setzten wir stickstofffixierende Pflanzen wie Klee und Nährstoffsammelnde Pflanzen wie Borracha ein, um die Qualität des Bodens zu verbessern.

Foto: Anne Ebert

Der bosque comestible von Casita de Barro ist noch immer in der Aufbauphase, weshalb er noch sehr pflegebedürftig ist. Zum Beispiel müssen wir gerade in der Trockenzeit die Bäume manuell gießen. Zudem müssen wir das Unkraut entfernen und die jungen Pflanzen schützen, bis das System ein Gleichgewicht entwickelt hat und selbstständig ist.

Foto: Gino Thull

Ein essbarer Wald hat sehr viele Vorteile. Gerade in dem Hinblick auf den voranschreitenden Klimawandel.


Wenn das System selbstständig geworden ist, kann man sich zum Beispiel den Einsatz von Pestiziden sparen. Denn durch die Vielfalt der Pflanzen entsteht auch eine Vielfalt der Tiere. Dadurch wiederum verbreiten sich die Schädlinge nicht so weit bzw. werden durch andere Faktoren sogar zurückgedrängt. Außerdem spart man sich viel Zeit sobald ein Gleichgewicht entstanden ist. Denn der Wald muss dann nicht mehr gegossen werden.


Die Aufbauphase darf allerdings nicht unterschätzt werden. In den ersten Jahren ist es sehr wichtig die bestmöglichen Bedingungen für die Pflanzen zu schaffen.

Wir in Casita de Barro versuchen so gut wie alle Ressourcen lokal zu erwerben. Unsere Biomasse, welche wir zum Mulchen verwenden, ist teilweise von unseren eigenen Pflanzen. Wir bekommen allerdings auch zweimal im Jahr eine große Spende an Biomasse von dem örtlichen Friedhof. Pferde und Kuhmist bekommen wir von verschiedenen Bewohner*innen des Dorfes, die ihre eigenen Tiere besitzen. Diesen können wir dann weiter verwenden, um unsere eigenen Düngemittel herzustellen. Zu einem verwenden wir, wie oben schon erwähnt, Bakashi. Wir stellen aber auch flüssige Dünger wie Supermagro und Microorganismen her.


Für die Bewässerung versuchen wir so viel Regenwasser wie möglich zu verwenden. Dafür gibt es mittlerweile fünf Regenwasserauffangbehälter auf dem Gelände, welche insgesamt eine Kapazität von 48.000 Litern haben. Während der Trockenzeit müssen wir allerdings trotzdem noch auf das Wasser der Gemeinde zurückgreifen.

Der Prozess zum Aufbau und zur Pflege unseres essbaren Waldes ist nicht ganz einfach. Er erfordert Geduld und Durchhaltevermögen. Aber es lohnt sich, die Energie in den ersten Jahren zu investieren. Außerdem kann aus jedem Fehler etwas gelernt werden.


Die bereits gepflanzten Bäume vermitteln einen kleinen Eindruck über den Nutzen und die Vielfalt der zukünftigen Ernte (z. B. Lebensmittel, Holz, Öle, Gewürze, Medizin, Schattenspender, Brennstoff, Baumaterial, Biomasse, Nahrung für Insekten)


Hier habe ich euch einige Bäume aufgelistet:


  • Nogal - Walnussbaum
  • Aguacate - Avocado
  • Pera y Manzana - Birne und Apfel  
  • Pitahaya - Drachenfrucht
  • Zarzamora - Brommbeere
  • Durazno - Pfirsich
  • Limon - Limette
  • Bambu - Bambus
  • Pirul brasileño - Brasilianischer Pfefferbau
  • Ahuehuete – Mexikmanische Sumpfzypresse
  • Tulipán - Tulpenbaum

Foto: Anne Ebert

Wir versuchen weiterhin unseren Wald auszubauen und mit nachhaltigen lokalen Ressourcen die Gegebenheiten zu verbessern. 


Liebe Grüße aus Mexiko, Anne

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